DER SINN DES GANZEN

Ich möchte Euch eine Geschichte über die Rundumsicht der Amsel erzählen, die zwischen den Bissen ihres Wurms nach Katzen Ausschau hält, über den Hasen, der nach Hunden lauscht, und den Hund, der über dem Geruch von Holzfeuer und Kaffee Eindringlinge wittert.

Tiere koordinieren den panoramischen Gebrauch ihrer Sinne mit all ihren fokussierten Aktivitäten. Er ist grundlegend für das Leben. Die Panorama-Sensorik ist ein wichtiger Teil der ursprünglichen Art, am Leben zu bleiben. Sie ist eine andere Art, das Leben zu erfahren und zu verstehen.

Der Mensch vernachlässigt den Panoramamodus. Kleine Kinder haben ihn noch und einige Autisten auch, aber mit unserer frühen Erziehung zum fokussierten Fühlen und Denken untergraben wir unsere panoramischen Fähigkeiten, bevor sie sich überhaupt entwickelt haben.

Die Fokussierung unserer Sinne und unseres Verstandes gab uns Sicherheit in der materiellen Welt. Von der Bearbeitung der ersten Feuersteine bis zur Beherrschung des Feuers, vom Ackerbau bis zur Arbeit mit Metallen: Das Fokussieren und Konzentrieren funktionierte so gut, dass wir jetzt sogar feste Ziegelwände und Wärmflaschen haben, und wir überwanden langsam jedes Bedürfnis nach unseren Rundum-Sinnen.

Wir haben die tierische Grundbegabung für den ausgewogenen Einsatz unserer sensorischen Fähigkeiten verloren. Und es ist mehr als nur ein Zufall, dass wir in vielerlei Hinsicht auch unsicherer geworden sind, als wir es je waren.

Die Fokussierung unserer Sinne und unseres Verstandes (Konzentration) wurde zu einer menschlichen Eigenschaft, einem besonderen Talent. Und als wir Erklärungen und Götter fanden, an die wir glauben und auf die wir uns fokussieren konnten, wurde die Beziehung zwischen Individuen, Gruppen und dem gesamten Universum sicher oder zumindest verhandelbar. Dies war ein enormer Schritt weg von unserem tierischen Erbe. Da die Menschen Glaubensvorstellungen entwickelten, wurden diese zur Priorität für unseren Sinn für Realität, Identität und Sicherheit in der Welt.

Und es fühlte sich so gut an zu wissen, wer und warum wir waren, dass es Generationen von Kindern beruhigt hat, wenn wir diese Geschichten nacherzählt haben. Die Geschichten und Glaubenssätze gaben den Menschen und Kulturen ihre Integrität, ihren Sinn und ihr Ziel.

Und es spielte wirklich keine Rolle, ob wir glaubten, dass wir auf dem Rücken der grossen Schildkröte lebten oder dass die Sterne die Kinder der Sonne und des Mondes waren – denn für unser Gefühl von Identität und Sicherheit war die Bestätigung des Stammes wichtiger als die Wahrheit.

Aber in den letzten paar Jahrhunderten nahm unsere Geschichte eine neue Wendung, als wir begannen, alle unsere alten Wahrheiten in Frage zu stellen. So dass wir nun die gegenseitige Bestätigung unserer sozialen Gruppe verloren haben.

Unsere Gedanken, Überzeugungen und Meinungen sind auf eine Art und Weise unsicher, wie es kein Mensch in irgendeiner früheren Kultur je erlebt oder sich auch nur vorgestellt hat.

Und die Entwicklung ist exponentiell. Unsere moderne Betonung der Freiheit des individuellen Denkens wird unweigerlich zu immer extremeren und vielfältigeren Ideen führen. Und ob die Überzeugungen wahr sind oder nicht, ist für das Gefühl der psychologischen Sicherheit in unserer abstrakten Welt weitgehend irrelevant, solange es eine soziale Gruppe gibt, die sie bestätigt...

Und zur gleichen Zeit – vernachlässigen wir die Panoramaperspektive auf das Leben.

Durch die panoramische Art des Wahrnehmens sind Tiere direkt verbunden und involviert, mit allem was sie fühlen. Sie hat sich über Milliarden von Jahren genau aus diesem Grund entwickelt: Weil sie der direkteste und zuverlässigste Weg war, mit allem, was um einen herum passiert, in Kontakt zu sein. Tiere hinterfragen nicht, was geschieht – wenn sie es hinterfragen würden, würden sie die Offenheit verlieren, die eine spontane und sofortige Reaktion ermöglicht.

Während der gesamten Evolution war der Panoramamodus der natürliche Weg, alles abzuschalten und still zu sein. Für Tiere ist dies eine ständige Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, jetzt zu sein. Die Sinne auf diese Weise zu benutzen ist eine andere Art, die Welt wahrzunehmen – nicht nur mit der Welt in Kontakt, sondern an ihr beteiligt zu sein.

Es muss für die Amsel ein Zustand nervöser Aufregung sein, wenn sie ständig ihren leckeren Wurm unterbrechen muss. Aber anstatt verletzlich zu sein oder durch Panik, Angst und Sorge gelähmt zu werden, hält sie Wache und überprüft ihre Umgebung auf plötzliche Veränderungen.

Wir Menschen haben die Fähigkeit verloren, unsere Panik, Angst und Sorge zu neutralisieren. Wir ignorieren das Privileg und das Glück, das wir haben, tatsächlich sicher zu sein. Wir müssen nicht mehr weglaufen, wenn eine Tür knallt oder ein Licht angeht. Wir brauchen nicht in Panik zu geraten, wenn sich irgendeine Kleinigkeit in unserer Umgebung verändert.

Meistens nehmen wir solche Reize gar nicht mehr wahr, und das ist der Punkt. Früher war es beängstigend, also haben wir die Probleme beseitigt, und damit haben wir einen Teil unseres Bewusstseins und eine Art des Seins beseitigt. Jetzt, da wir uns durch die Veränderungen nicht mehr beunruhigt fühlen müssen, können wir einfach weitermachen und uns direkt mit allem verbunden und beteiligt fühlen.

Diese Geschichte ist mit religiösen Vorstellungen verbunden. Aber der Panorama-Sinn ist keine neue Form der Meditation. Er ist etwas, womit wir alle geboren wurden – und nicht ein Geistkörper oder irgendetwas Tiefgründiges oder Philosophisches. Sondern eine praktische physiologische Fähigkeit, die wir unabsichtlich unterdrückt haben, und damit einen Teil unseres essentiellen Gefühls dafür, was es bedeutet, lebendig zu sein.

Die Menschheit konnte sich entwickeln, weil wir unser abstraktes Denken nutzten, um der realen, praktischen, greifbaren Welt einen Sinn zu geben. Und auch wenn es seltsam oder als Wortspiel erscheinen mag: Wir müssen etwas Reales und Greifbares nutzen, wir müssen die unmittelbare Umgebung, das lokale Panorama, sehen, hören, riechen und erleben, wenn wir unserer abstrakten Welt einen Sinn geben wollen.

Diese Art zu spüren und sich als Teil des Ganzen zu fühlen ähnelt der Achtsamkeit, aber Achtsamkeit wird normalerweise nur auf den Geist oder das innere Körperbewusstsein angewandt. Bei Tieren handelt es sich um die drei äusseren Sinne, und der Wert für die Tiere liegt nur darin, die Veränderungen zu bemerken. über dem Hintergrundgeruch von Holzfeuer und Kaffee ist Dein Hund immer noch in der Lage, einen Eindringling zu riechen.

In der realen Welt passieren die Dinge hin und wieder: An einem Tag höre ich drei Hunde bellen, dann vier Tage nichts, dann wieder ein Bellen. Dinge wiederholen sich zufällig.

Es sind die Veränderungen, die wahrgenommen werden, und ausserhalb unserer festen Wände verändert sich das Leben ständig. Und manche Dinge wiederholen sich oft, aber ohne Uhren, sie wiederholen sich zufällig.

Für Amseln ist diese zufällige Realität ein Grund zur Verunsicherung. Menschen haben keinen Grund, sich von solchen Dingen bedroht zu fühlen. Wenn wir uns unsicher fühlen, dann aus psychologisch abstrakten Gründen. Heutzutage verpassen wir die Gelegenheit, einfach über die Spontaneität dieser zufälligen Realität zu staunen.

Tiere nutzen ihren Panoramasinn auf vielfältige Weise. Beim Dösen dreht der Hase seine Ohren nach aussen, offen für Geräusche, und schlafende Vögel haben ein Auge offen. Raubtiere von der Schlange bis zum Eisvogel nutzen den Panoramamodus, um auf die Bewegungen ihrer Beute zu achten.

In seiner sensibelsten Form ist es eine intensive rezeptive Präsenz und ein vorahnendes Bewusstsein, immer bereit und wartend, eine Sekunde bevor etwas passiert. Und es neutralisiert das abstrakte Denken; wir können nicht denken, wenn wir auf der Lauer sind.

Ich verstehe es selbst nicht ganz, ich weiss nur, dass ich es geniesse, es ist eine innere Stille und ein Frieden. Es fühlt sich natürlich an, und mit der Gewöhnung ist es zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens geworden. Es gibt mir "einen Sinn des Ganzen".

Kinder werden mit dieser Art, mit der Welt in Kontakt zu sein und sie zu spüren, geboren. Wir müssen unsere zunehmend frühe Erziehung zum fokussierten Lesen, Schreiben und Denken mit einer frühen Erziehung und Förderung des Panorama-Modus ausgleichen.

Wir müssen mit unseren Kindern spielerisch auf die Lauer gehen. Auf Bewegungen rundherum und aus den Augenwinkeln achten wie Amseln, auf Hunde und Menschen lauschen wie ein Hase, und am Wind nach Kaffee oder kochendem Essen riechen, so wie der Igel nach Äpfeln und Käfern riechen wird.

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